Vier Wochen zurück in die DDR
Vor einiger Zeit habe ich euch bereits „Nackt auf Usedom“ von Thomas Nicolai vorgestellt. Mit seinem zweiten Roman „Maulberg“ nimmt uns der Autor diesmal mit in ein kleines Dorf in Nordsachsen und entwirft ein ebenso unterhaltsames wie nachdenklich stimmendes Gedankenexperiment.
Maulberg
Autor
Thomas Nicolai
Verlag
Satyr Verlag
Medium: eBook
Seitenzahl: 352
Erschienen: 03.03.2025
ISBN: 978-3910775329
Bewertung: ★★★★★
Worum geht es?
Wir schreiben das Jahr 2016. Das Dortmunder Ehepaar Beate und Peter Sendler zieht in das sächsische Dorf Maulberg.
Beate übernimmt die Leitung der örtlichen Kindertagesstätte. Ihr Mann Peter arbeitet als Dokumentarfilmer und wartet noch immer auf seinen großen Durchbruch.
Als Peter erfährt, dass im kommenden Jahr das 400-jährige Dorfjubiläum ansteht und viele Einwohner mit der Entwicklung nach der Wiedervereinigung unzufrieden sind, kommt ihm eine ungewöhnliche Idee: Maulberg soll für vier Wochen in die DDR zurückkehren.
Statt eines Supermarktes gibt es wieder eine Kaufhalle mit Ostprodukten. Im Fernsehen laufen ausschließlich Sendungen aus DDR-Zeiten. Mobiltelefone, Computer und Internet werden abgeschafft. Autos dürfen nur nach einer Verlosung genutzt werden. Wer das Dorf verlassen möchte, muss sogar einen Ausreiseantrag stellen.
Bevor das Experiment beginnt, wird demokratisch abgestimmt. Erstaunlicherweise spricht sich die Mehrheit der Einwohner dafür aus.
Anfangs scheint das Vorhaben tatsächlich zu funktionieren. In der Schule entstehen Pioniergruppen, bei gemeinsamen Arbeitseinsätzen wird der alte Gasthof renoviert und zum Republikgeburtstag hält der ehemalige Parteisekretär eine feierliche Rede.
Doch schon bald zeigen sich die ersten Risse. Während einige Dorfbewohner regelrecht aufblühen, wächst bei anderen der Frust. Die Stimmung kippt zunehmend und das Experiment droht außer Kontrolle zu geraten. Als schließlich sogar ein Mensch angeschossen wird, steht das Dorf vor einer Eskalation.
Meine Meinung
Thomas Nicolai trifft mit seinem Roman einen interessanten Nerv. Gerade im Osten gibt es Menschen, die sich zumindest teilweise nach bestimmten Aspekten der DDR zurücksehnen. Gleichzeitig zeigt das Buch sehr deutlich, wie leicht man die negativen Seiten der Vergangenheit ausblendet und sich vor allem an vermeintlich gute Erinnerungen klammert.
Besonders gelungen fand ich, dass der Autor verschiedene Sichtweisen gegenüberstellt. Die Bewohner von Maulberg reagieren sehr unterschiedlich auf das Experiment. Einige genießen das Gemeinschaftsgefühl und die Entschleunigung des Alltags, während andere die neuen Einschränkungen schnell als Belastung empfinden.
Dabei beschränkt sich Nicolai nicht allein auf die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Im Dorf lebt auch ein Mann, der in seinem Keller einen regelrechten Führerbunker eingerichtet hat und alles sammelt, was mit der NS-Zeit zu tun hat, einschließlich Waffen und Handgranaten. Ausgerechnet er wird während des Experiments zum Volkspolizisten ernannt. Dadurch zeigt der Autor, dass extreme Ideologien keineswegs nur ein Problem einer bestimmten Epoche sind.
Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte entwickelt schnell einen Sog und man möchte ständig wissen, wie weit die Dorfbewohner noch gehen werden. Immer wieder stellte ich mir beim Lesen die Frage, ob das Experiment tatsächlich nach vier Wochen endet oder ob die Situation völlig aus dem Ruder läuft.
Besonders spannend fand ich, wie realistisch viele Reaktionen der Figuren wirken. Dadurch erhält die Geschichte neben ihrem satirischen Grundton auch eine bemerkenswerte gesellschaftliche Tiefe.
Fazit
Mit „Maulberg“ präsentiert Thomas Nicolai einen ebenso unterhaltsamen wie nachdenklichen Roman. Die Geschichte verbindet Humor, Satire und Gesellschaftskritik zu einer spannenden Mischung und wirft interessante Fragen über Erinnerungskultur, Nostalgie und politische Überzeugungen auf.
Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Ich vergebe 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
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| Thomas Nicolai (28.04.23) |
Vielen Dank an den Satyr Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.


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